Der Mühlstein November 2024

Alte Wassermühle in Bad Essen / Niedersachsen (Foto: G. Scheweling)

Gundolf Scheweling, Marienhafe / Ostfriesland Das Mühlengesetz von 1957 und seine Folgen Mühlen verzeichnen seit Jahrtausenden in der Geschichte der Menschheit im besten Sinne das, was in der Politiksprache ger ne als „Erfolgsgeschichte“ bezeichnet wird. Wassermühlen sind weit über 2000 Jahre alt, und Windmühlen erweitern in Euro pa ab dem 11./12. Jahrhundert das Spektrum der Erzeugung von Energie durch die Nutzung der naturgegebenen Kraft des Windes. Beide Arten der Erzeugung von Energie sind höchst umweltfreundlich und führen im Gegensatz zu den anderen Ar ten der Energieerzeugung zu keinem Verbrauch fossiler Stoffe (Kohle, Öl, Gas) mit ihren umweltschädlichen Emissionen. In über 130 nachgewiesenen Anwendungsarten haben Mühlen als erste Menschheitsmaschinen jahrhundertelang eine überra gende Rolle gespielt wie keine andere Technologie vorher oder nachher. Mühlen waren die absolute und höchst vielfältig an gewandte „high tec“ seit dem Mittelalter. Bezeichnenderweise tragen viele Fabriken in England auch heute noch immer den Namen bzw. die Bezeichnung „mill“ anstatt der Bezeichnung „factory“. Seit dem 19. Jahrhundert kamen neben der Energiegewinnung durch Wind und Wasser andere Energiearten auf (Diesel- und Elektromotoren), die nicht mehr an natürliche Gegebenheiten (Fließgewässer bei Wassermühlen, freie Flächen bei Windmüh len) gebunden waren.

Aufgrund dieses Vorteils der Ungebundenheit des Standortes, der Erfindung neuer automatisierte Müllereimaschinen, bei denen die Menschenarbeit immer weitgehender an Maschinen „delegiert“ wurde und Arbeiter über flüssig wurden, sowie die Entwicklung von riesigen Industriemühlen begann – trotz des nochmaligen Anwachsens der Anzahl von Wind- und Wasser mühlen im Zuge der Gewerbefreiheit in Deutschland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts - bereits zum Ende des 19. Jahr hunderts der allmähliche Niedergang der kleinen Naturkraft mühlen - klein im Vergleich zu den aufkommenden, neuen rie sigen Mehlfabriken. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sorgte das Mühlensterben für einen immensen Kahlschlag. Das belegte 1933 der bekannte Flügelkonstrukteur Kurt Bilau anhand einer alten Landkarte von Jüterbog, Sachsen-Anhalt. Auf einer alten Landkarte von Jüter bog aus der Zeit des 18./19. Jahrhunderts sind ca. 90 Mühlen verzeichnet – auf der Vergleichskarte von 1933 sind es gerade einmal 4, die zudem im Absterben begriffen sind. So nahm in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Zahl kleiner Naturkraftmühlen dramatisch ab, wesentlich aufgrund der übermächtigen Konkurrenz der große Industriemühlen mit bis zu über einem Hundertfachen der Vermahlungskapazität der kleinen Naturkraftmühlen. Eine ganz kurzfristige Renaissance dieser kleinen Wind- und Wassermühlen – zumindest in der Bundesrepublik Deutsch land – gab es in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, als auch viele Großmühlen dem Krieg zum Opfer gefallen waren und Wind- und Wassermühlen für eine kurze Dauer für die Versorgung der Be völkerung mit Mehl wieder gefragt waren, insbesondere in länd lichen Gebieten. Jedoch im Zuge des Wirtschaftaufschwungs

Der Mühlstein . Heft 3/2024

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