Der Mühlstein November 2024
Der Verlauf des Yarlung Tsanpo im Transhimalaya
Landwirtschaftliche Felder entlang des Yarlung Tsanpo auf über 4000 Metern Höhe
Gundolf Scheweling, Marienhafe / Ostfriesland Archaische Handdrehmühlen im tibetischen Transhimalaya
Die Welt des 21. Jahrhunderts ist einerseits weltweit durch hochtechnologische Entwicklungen und Errungenschaften wie das Internet, die Digitalisierung, die Globalisierung und automatisierte Arbeitsabläufe ohne menschliche Anwesenheit (bis auf die Kontrollspezialisten in Kontrollräumen) geprägt. Andererseits gibt es zugleich Regionen auf der Welt, in denen Menschen leben, die sich immer ncoh archaischer Techniken bedienen, die bereits vor 15 000 Jahren von damaligen Men schen verwendet wurden. Diese Divergenz des Vorhandenseins prähistorische Techniken aus einer Vergangenheit von vor 15 000 Jahren zeitgleich mit dem Vorhandensein hochmoderner Techniken der Gegenwart wird technikwissenschaftlich als „Gleichzeitigkeit des Un gleichzeitigen“ bezeichnet. Dies trifft u.a. insbesondere auch für die Vermahlung von Getreide zu, bei der in den entwickelten Ländern der Welt einerseits hochtechnologische Mühlenfabri ken über mehrere Tausend Tonnen Getreide täglich vermahlen, während andererseits in industriefernen Regionen der Welt noch immer archaische, Jahrtausende alte Vermahlungstech niken angewandt werden. Anfang Mai 2024 wurde auf dem TV-Kanal Phönix eine drei teilige Dokumentation über den Brahmaputra, mit einer Länge von 3100 km der längste und gewaltigste Fluß zwischen Indien und Asien, gesendet. Darin wurde die beeindruckende Natur
des tibetischen Hochlandes im Transhimalaya, jener Region nördlich des Himalaya-Gebirges (mit einer Größe von rund 800 000 km² so groß wie die Türkei) gezeigt, die auch als „Dach der Welt“ bezeichnet wird. Der Brahmaputra, der höchstgelegene Fluß unseres Planeten, entspringt als Grenzfluß zwischen Tibet und China als (tibe tisch) Yarlung Tsanpo in 5200 m Höhe rund 130 km östlich des 6638 hohen Himalaya-Riesen Kailash und fließt 2057 km durch Tibet. Auf einer mittleren Höhenlage von rund 4000 – 4500 Metern verläuft der Yalung Tsanpo zunächst über 1700 km ostwärts zwischen den beiden Hochgebirgen des Himalaya und des Transhimalaya auf einer Erdnahtstelle zwischen der indischen und der asiatischen tektonischen Erdplatten . Sodann wird der Yarlung Tsanpo durch den 7782 Meter hohen Namjangbarva abrupt in seiner bisherigen Fließrichtung ge stoppt. In einer U-förmigen Wende stürzt der Fluß durch eine gewaltige Schlucht mit einem Höhengefälle von über 3000 Me tern gen Süden in die Tiefe. Dann aber wendet sich der Fluß in einer Kehrtwende von 270° zunächst gen Westen und dann wiederum gen Süden, um als Brahmaputra in den indischen Ozean einzumünden. Im Hochland von Tibet, das 1/3 der Fläche Tibets ausmacht, leben in bis zu 5000 Metern Höhe Nomaden auf einer technisch sehr einfachen Entwicklungsstufe. Seit über 7 Jahrtausenden
Der Mühlstein . Heft 3/2024
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